Die Suchtarten

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Die körperliche Abhängigkeit ergibt sich aus der Wirkung von Nikotin im Hirn. Die psychische und die Verhaltensabhängigkeit soll dagegen auf anderen Faktoren beruhen wie Grundhaltung, konkrete Situation, Gewohnheit der Geste, psychosoziale Normalität usw.

Die Unterscheidung nach Abhängigkeitsformen ist heute nicht mehr aktuell. Viele Forschende sind der Meinung, dass der Abhängigkeitsbegriff trotz seiner Komplexität nicht differenziert werden soll, weil es gibt dafür keine wissenschaftlich etablierten Regeln. Trotzdem können wir die verschiedenen Formen – körperliche, psychische und Verhaltensabhängigkeit – betrachten, sollten uns dabei aber bewusst sein, dass es sich wahrscheinlich um ein und dieselbe Realität handelt.

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Ich teste meine Abhängigkeit

Die Nikotinabhängigkeit zeigt sich wie folgt:

  • Bessere Laune
  • Gefühl grösserer Leistungsfähigkeit
  • Vor allem: Vermeiden von Entzugserscheinungen!

Folgende Entzugserscheinungen treten auf

  • Reizbarkeit, Depression, Agitiertheit, Angstzustände
  • Sozialisierungsprobleme
  • Konzentrationsschwierigkeiten
  • Grösseres Hungergefühl
  • Schlaflosigkeit
  • Plötzliches, unwiderstehliches Rauchverlangen («Craving»)

Die körperliche Abhängigkeit: Immer mehr Nikotinrezeptoren

Die körperliche (pharmakologische) Abhängigkeit lässt sich möglicherweise damit erklären, dass bei den regelmässigen Rauchenden die Zahl der Nikotinrezeptoren an den Nervenzellen zunimmt. Die Nikotinrezeptoren werden so genannt, weil sie unter Laborbedingungen (aber auch beim Rauchen und bei jeder Art von Nikotinkonsum) Nikotin besonders stark binden.

Unter natürlichen Bedingungen liegt im Körper keinerlei Nikotin vor. Diese Rezeptoren sind eigentlich dazu da, den Neurotransmitter Acetylcholin zu binden. Acetylcholin nimmt im zentralen Nervensystem eine wichtige Rolle für das Gedächtnis und beim Lernen ein. Im peripheren Nervensystem trägt es insbesondere zur Muskelaktivität und zu vegetativen Funktionen bei.

Wenn Nikotin konsumiert wird, verändert sich die Rolle gewisser Rezeptoren, die darum Nikotinrezeptoren genannt werden. Sie binden Nikotin, das auf das Belohnungssystem wirkt und verschiedene Botenstoffe wie etwa Dopamin freisetzt. Die Zahl der Nikotinrezeptoren nimmt nach und nach zu, was zur Gewöhnung führt.

Allmählich wird die Nikotinzufuhr zu einer zwingenden Voraussetzung, damit überhaupt Dopamin ausgeschüttet wird. Dopamin löst ein Gefühl des Genusses und der Zufriedenheit aus. Wenn diese Substanz nicht in ausreichender Menge abgegeben wird, führt dies zu Müdigkeit, Energieverlust, Konzentrationsstörungen und anderen Entzugserscheinungen.Nikotin kann sich auf allen Bewusstseinsebenen des Menschen auswirken. Bei süchtigen Testpersonen konnte nachgewiesen werden, dass die Zahl der Nikotinrezeptoren nach dem Tabakstopp langsam wieder abnimmt. Doch dauert es 6 bis 12 Monate, bis die ursprüngliche Zahl erreicht wird.

Körperlicher Entzug bis 2 Monate

Die akuten Symptome einer körperlichen Nikotinsucht (Entzugserscheinungen) verschwinden je nach Abhängigkeitsgrad 1 bis 2 Monate nach dem Rauchstopp. Aus diesem Grund ist es wichtig, mindestens 2 Monate in Behandlung zu bleiben (ärztliche Beratung, Nikotinersatz, Bupropion, Vareniclin).

Psychischer Entzug bis 12 Monate und mehr

Die psychische oder psychologische Abhängigkeit dauert länger als die körperliche und ist schwerer zu fassen. Das Vorhandensein des Produkts wird allmählich mit Gedanken und Gefühlen des privaten, sozialen und beruflichen Lebens verknüpft. Bei einer solchen Abhängigkeit brauchen die Betroffenen das Produkt als Krücke, um denken, sich erholen oder sich einfach nur wohlfühlen zu können. Es gibt Rauchende, die sogar meinen, sie könnten nicht mehr ohne Tabak leben, und für die er einfach ganz zum Leben gehört.

Es braucht 6 bis 12 Monate oder sogar mehr, um die psychische Abhängigkeit abzuschütteln. Auch dazu ist Hilfe nötig.

Zu jeder alltäglichen Geste eine Zigarette

Die Verhaltens- oder Umfeldabhängigkeit hat mit der psychischen (und körperlichen) Abhängigkeit zu tun, bezieht sich aber spezifisch auf die Gesten im Alltag. Nach und nach wird jede Verhaltensweise und jede Handlung nicht nur mit der Aufnahme der Substanz, sondern auch mit einer Geste, einer Verhaltensweise und einem Automatismus in Verbindung gebracht. Das ist nicht unerheblich, denn wer regelmässig raucht, führt seine Hand mehrere Hundert Mal zum Mund. Darum wird in den Wochen nach dem Rauchstopp manchmal geraten, Strategien zu finden, um diese Verhaltensabhängigkeit zu bekämpfen: Kaugummi kauen, Bonbons lutschen, die Hände beschäftigen, einen Gegenstand anstelle des Zigarettenpakets in der Tasche haben usw.

Theorie der Oralphase

Gemäss der Theorie der Oralphase soll das Verhältnis zur Zigarette ähnlich sein wie die Genuss- und Zufriedenheitsgefühle des Säuglings an der Mutterbrust. Demnach werde die immer greifbare Zigarette zum Mund geführt, um alle Ängste abzubauen. «Orale» Rauchende hätten ein grösseres Risiko, den Nikotinentzug mit Essen oder Alkohol zu kompensieren.

Es muss grundsätzlich berücksichtigt werden, dass die Zigarettensucht eine Kombination aller dieser Faktoren ist. Wenn jemand auf die psychischen Aspekte anspricht, heisst das nicht, dass er oder sie nicht auch körperlich den Nikotin-«Schuss» jeder einzelnen Zigarette spürt.

Was die Forschung sagt

Laut kürzlicher Studien könnte Nikotin im Hirn eine Verknüpfung der verschiedenen Abhängigkeitsformen bewirken. So könnte es die Rauchenden für Tabakhinweise in ihrem Umfeld sensibler machen: Gerüche, Bilder, Stimmungen usw. Und es stärke die unbewusste Verknüpfung zwischen solchen Hinweisen und dem Akt des Rauchens. Weil Nikotin grundsätzlich die Nervenströme im Hirn anregt, scheint diese Erklärung durchaus plausibel.

Frau und Mann sind nicht gleich

Zweifellos ist die Abhängigkeit bei den Frauen stärker psychologisch begründet als bei den Männern, deren Abhängigkeit stärker vom Nikotin-Schuss geprägt ist. Laut Forschungsarbeiten sind die Frauen für Geruchs- und Geschmacksaspekte der Zigarette sensibler. Wird ihnen der Geruch oder der Geschmack ihrer Lieblingsmarke entzogen, verlieren sie viel mehr Befriedigung als die Männer.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass die Männer grundsätzlich eher wegen der nikotinbedingten grösseren Leistungsfähigkeit rauchen und die Frauen mehr aus nikotinunabhängigen Gründen. Die Frauen bekunden grössere Mühe beim Aufhören und sprechen weniger günstig auf Ersatztherapien an. Zudem soll es bei der Verabreichung von Nikotin und Tabak geschlechterspezifische Unterschiede geben, was das System der Nikotin-Acetylcholin-Rezeptoren und das Dopamin-System anbelangt.

Quellen

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