Eine rauchfreie Jugend

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Michelle Grossglauser

Die Rauchstopplinie wird immer wieder von jungen Menschen kontaktiert, um Tipps zu erhalten, wie man mit Rauchen aufhören kann. Sie bedauern, abhängig zu sein und möchten ihre verlorene Freiheit wiedererlangen

Ein Interview mit Michelle Grossglauser

Fachberaterin bei der Rauchstopplinie der Krebsliga, erhält Michelle Grossglauser Anrufe von jugendlichen Raucherinnen und Rauchern. Sie leiden unter ihrem Konsum und bitten um Tipps, wie sie von der Zigarette wegkommen könnten. Die Abhängigkeit lastet schwer auf ihnen.

In der Schweiz rauchen über 30 Prozent der 15- bis 24-Jährigen. Warum ist dieser Wert so hoch?

Der Zugang zu Produkten, die nikotinabhängig machen und junge Menschen früh an die Tabakindustrie binden, ist hierzulande einfach. Produkte wie Nikotin-Pouches, die über die Mundschleimhaut konsumiert werden, und Puff Bars (Einweg-E-Zigaretten) scheinen für junge Menschen attraktiv zu sein. Sie sind fruchtig und süss im Geschmack und kommen frisch und farbig daher.

Immer Jüngere konsumieren diese Erzeugnisse, die Nikotin, aber keinen Tabak enthalten. Somit garantieren sie eine schnelle Nikotinzufuhr ohne die gesundheitsschädlichen Giftstoffe der Tabakverbrennung. Doch gerade Nikotin ist einer der am stärksten abhängig machenden Stoffe.

Zielgruppe der Tabakindustrie sind also zunehmend jüngere Menschen, die bereits nikotinabhängig gemacht werden, ohne dass sie gleich Zigaretten im herkömmlichen Sinn rauchen.

Wie gelangen Jugendliche an solche «Einstiegsprodukte»?

Mit ein paar Mausklicks kann jede und jeder sie online kaufen. Man muss dafür nicht an den Kiosk gehen oder sich fragenden Blicken des Verkaufspersonals aussetzen. Je mehr man im Online-Shop auf einmal kauft, desto billiger ist die Ware. Ein Pack mit Nikotin-Pouches kosten nur vier Franken. Für junge Menschen sind diese nikotinhaltigen Produkte also preislich, aber auch punkto Design und Handhabung interessant.

Warum sind junge Menschen gefährdet, mit dem Rauchen zu beginnen?

Entscheidungen finden im frontalen Kortex statt, der bei Kindern und Jugendlichen noch nicht ausgereift ist. Daher läuft bei ihnen vieles spontan. Die mangelnde Kontrolle auf Handlungsimpulse macht sie empfänglich für Werbebotschaften oder das Nachahmen von Freunden, die scheinbar attraktive Produkte konsumieren.

Weiter hat Nikotin eine Auswirkung auf das Belohnungssystem. Es reagiert bei jungen Menschen heftiger auf diesen Stoff als bei Erwachsenen und löst ein starkes Verlangen nach Belohnung aus. Je jünger die Konsumentinnen und Konsumenten sind, desto mehr besteht das Risiko, dass sie abhängig werden. Sie unterschätzen dies und denken: «Ich kann aufhören, wann ich will, ich habe ja erst vor Kurzem im Ausgang damit begonnen». Aber so ist es nicht. Bereits innerhalb von ein paar Wochen sind sie an die nikotinhaltigen Produkte gefesselt.

Warum ist der Konsum von Nikotin für Jugendliche gefährlich?

Nikotin kann bei Kindern und Jugendlichen die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. Wenn sie diesem Stoff regelmässig ausgesetzt sind, erfolgen bei ihnen langanhaltende neurochemische Veränderungen. Auch ihr Verhalten ändert sich. Diese Veränderungen sind anders als bei Erwachsenen. Sie können Aufmerksamkeitsdefizite, verstärkte Angst und ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung psychiatrischer Störungen und kognitiver Beeinträchtigungen mit sich bringen.

Welchen Rat suchen Jugendliche bei der Rauchstopplinie?

Immer wieder kontaktieren uns junge Menschen, um Tipps zu erhalten, wie man mit Rauchen aufhören kann. Sie bedauern, so stark an Zigaretten oder andere Produkte gebunden zu sein und möchten ihre verlorene Freiheit wiedererlangen. Wir bieten ihnen an, sie während ein paar Wochen zu begleiten. Oft möchten sie nur ein einzelnes Gespräch und sind mit ein paar Links zu Websites zufrieden. Sie möchten selber ausprobieren, was ihnen zusagt.

Auch besorgte Eltern rufen uns an und möchten mit uns einen Termin für ihr Kind vereinbaren. Sie wünschen, dass wir mit den Jugendlichen sprechen. Die Eltern haben Angst um die Gesundheit ihrer Kinder. Sie beobachten, wie ihre Tochter oder ihr Sohn neuartige nikotin- oder tabakhaltige Produkte ausprobiert, die sie nicht kennen. Dabei können sie nur ahnen, wie abhängig sie ihre Kinder machen und wie gesundheitsschädigend sie sind. Eltern möchten die Gefahr erkennen und wissen, wie sie ihre Kinder davor schützen und ihnen beim Rauchstopp helfen können.  

Was braucht es für einen Rauchstopp bei Jugendlichen?

Ein Rauchstopp ist für nikotinabhängige Jugendliche schwierig und mit einem Aufwand verbunden. Trotzdem ist es machbar. Wir sagen ihnen, dass es nicht so schwer ist, wie sie denken und empfehlen ihnen, den Rauchstopp auf einen Schlag zu probieren. Da sie physisch von der Zigarette abhängig sind, werden sie mehr oder weniger starke Entzugssymptome haben.

Dazu kommt die psychische Abhängigkeit. Rauchen ist stark an die Gewohnheiten aus dem Freundeskreis, der Schule, der Pause oder dem Ausgang gekoppelt. Sich neue Verhaltensweisen anzueignen und nicht mehr routinemässig zur Zigarette zu greifen, wenn andere dies tun, braucht eine gute Verhaltensstrategie und Durchhaltevermögen. Das Rauchverlangen kommt plötzlich und der Impuls, es zu befriedigen, ist stark. Was sollen sie tun, wenn die Leere aufkommt, in der sie normalerweise eine Zigarette rauchen? Womit die Zeit füllen, in der nicht mehr geraucht wird? Wir probieren, mit ihnen einen Plan mit Alternativen zu erstellen.

Was kann für eine rauchfreie Zukunft junger Menschen getan werden?  

Anstatt Kinder, Jugendliche und Eltern sich selber zu überlassen, wie sie mit Zigaretten und der Abhängigkeit ringen, wäre es an der Zeit, sich jetzt die Frage zu stellen, wie der Gesetzgeber die verschiedenen Nikotinprodukte reguliert, damit möglichst wenig Schäden für die Allgemeinheit entstehen. Die Attraktivität der schnell abhängig machenden Nikotinprodukte könnte durch verschiedene Massnahmen, darunter auch mit der Einschränkung der Werbung, massiv gesenkt werden. Junge Menschen wären der Tabakindustrie weniger ausgeliefert.